Kirchen im früheren Wedding heute: Kirchenkreis Berlin Nord-Ost / www.kiche-berlin-nordost.de 2. Teil
1250-1880

Die Entstehung der Kirchengemeinden
im ehemaligen Kirchenkreis Wedding (heute fusioniert im Kirchenkreis Berlin Nord-Ost )

Ein kurzer historischer Rückblick

Hektischer Aufschwung
In den neunziger Jahren entstanden viele neue Kirchen. Am 10. März 1888 sollte der Grundstein für eine neue Kirche in der Ruppiner Str. gelegt werden. Da starb Kaiser Wilhelm I. Nun wurde die Feier auf den 10. Juni verlegt. Da starb Kaiser Friedrich III. Um dieser Ereignisse willen wurde die Kirche Friedenskirche genannt. Sie wurde von dem bekannten Kirchbaumeister Orth errichtet und am 19. Januar 1891 eingeweiht. Die Gemeinde wurde von der Zionsgemeinde abgezweigt. Ebenfalls von Orth wurde die Himmelfahrtskirche am Humboldthain erbaut. Die zugehörige Gemeinde wurde von der St. Elisabethgemeinde abgezweigt. Am 4. Juni 1893 fand die Einweihung statt.
Wenige Tage später, am 26. Juni 1893, fand die Einweihung der ersten katholischen Kirche im Berliner Norden statt. Es war die St. Sebastiankirche auf dem Gartenplatz. Sie wurde von Kirchbaumeister Max Hasack errichtet.
Am 28. August 1894 wurde die Versöhnungskirche an der Bernauer Str. eingeweiht, die nach Plänen des mecklenburgischen Baurats Möckel errichtet wurde. Die Gemeinde wurde ebenfalls von St. Elisabeth abgezweigt. Hintergrund der Namensgebung war das Wirken des Vaterländischen Bauvereins. Der richtete sich gegen den Klassenkampf der sozialistischen Arbeiter. Nicht zerreißen, Versöhnung und Einigung wollte man hier. Als Beispiel solch einer Versöhnung von sozialen Gegensätzen richtete der Verein "Dienst an Arbeitslosen" in der Ackerstr. die Schrippenkirche ein, wo mit dem geistlichen Wort die Ausgabe eines einfachen Essens, oft eines Eintopfs mit Schrippe verbunden war.

Die alte Nazarethkirche war schon lange zu klein geworden. So war auch hier ein Neubau (Neue Nazarethkirche) im Gange. Seine Errichtung wurde von Baurat Spitta durchgeführt. In gotischen Formen auf dem Leopoldplatz östlich der alten Kirche erstellt, wurde er am 10. März 1893 der Gemeinde übergeben. Im nördlichen Bereich des Weddings besaß der schlesische Graf Oppersdorf nahezu alle Grundstücke. Er schenkte der Nazarethgemeinde eine Baustelle an der Ecke See-Antwerpener Str. mit der Maßgabe, dort eine Tochterkirche zu bauen. Die Kirche erhielt den Namen Kapernaumkirche, wurde von dem Architekten Siebold aus Bethel erbaut und am 26. August 1902 eingeweiht.
Eine zweite katholische Gottesdienststätte entstand 1898 im St. Afrastift in der Graunstr.. Graue Schwestern widmeten sich hier der Krankenpflege, Kinderversorgung und dem Haushaltsunterricht. Der 3. Dezember 1904 wurde der Einweihungstag der am Gesundbrunnen an der Prinzenallee/Soldiner Str. erbauten Stephanuskirche. In Anwesenheit des Kaisers wurde die von Baurat Bürkner erbaute Kirche ihrer Bestimmung übergeben. Die Gemeinde wurde von der St. Pauls-Gemeinde abgezweigt.
Schon am 6. Januar 1906 folgte ihr in der Bellermannstr. die katholische St. Petruskirche, für die Kirchbaumeister Bunning zeichnete. Gemäß der durch den Kulturkampf geltenden Bestimmungen des preußischen Staates musste die Kirche in die Häuserfront eingebaut werden und durfte nicht auf einem freien Platz errichtet werden. Das gleiche galt auch für die zweitürmige St. Josephskirche an der Müllerstr., die von dem Maria Laacher Pater Ludgerus in romanischen Formen entworfen, von Bunning ausgeführt und am 2. Mai 1909 geweiht wurde.
Die Osterkirche an der Samoastr. entsprang einer Zusammenarbeit der Architekten Dincklage, Paulus und Lillac. Sie wurde in den Formen märkischer Backsteingotik errichtet und erhielt ebenfalls einen Doppelturm. Am 18. Juni 1911 wurde sie eingeweiht, nachdem die Gemeinde bereits 1908 als Nazareth II von der Mutterkirche abgetrennt worden war. Am 12. April 1914 bildete die katholische Kirche in den Vierteln nördlich der Seestr. die Aloysiusgemeinde, die zunächst in einem Fabriksaal eine Notkapelle erhielt. Der Ausbruch des ersten Weltkrieges hemmte dann zunächst jede weitere Entwicklung.

Krise und Wiederaufbau
Am 1. 10. 1920 wurde die Einheitsgemeinde Groß Berlin gebildet. Der neue Bezirk 3 wurde aus den alten Stadtteilen Wedding und Gesundbrunnen, den Nordteil des Vogtlandgebietes und dem Ostteil von Plötzensee gebildet. Große neue Kirchbauten enstanden in jenen Jahren nicht mehr. Kirchenbaumeister Bunning schuf aber 1927 die St. Aloysiuskapelle in der Ofener Str. Im Paul Gerhardt Stift erstellte man ein schmuckes neues Schwesternhaus. In jenen Tagen schien der Wedding eine neue Blüte zu erleben. Aber in Wirklichkeit war die Bevölkerung tief zerrissen. Inflation, Arbeitslosigkeit und politische Wirren führten zu Straßenkämpfen und offenen Auseinandersetzungen, die sich auch in der Kirche auswirkten. Liberale und Deutsch-Nationale Pfarrer standen sich oft unversöhnlich gegenüber. Hatten in der ersten Bezirksversammlung nach dem Krieg die Sozialdemokraten mit 37 Sitzen noch die absolute Mehrheit, so konnten bis 1929 die Kommunisten ihre Stimmenzahl auf 27 (SPD 19) erhöhen. Aber auch ein Nationalsozialist war bereits dabei. In einem kleinen Büro warb Heinrich Himmler Mitglieder für die Schutzstaffel, die den Führer der neuen Partei schützen sollte. Viele Kleinbürger, von der kommunistischen Mehrheit und Straßenkämpfen erschreckt, suchten in der neuen Bewegung Halt und auch viele Pfarrer sahen in den Nationalsozialisten die einzige Rettung vor der bolschewistischen Gefahr.

Das Ergebnis war die Machtübernahme der Nationalsozialisten und der Krieg. Hatte der Bombenkrieg den Wedding noch weitgehend verschont, so kam das Ende für viele Kirchen in der Schlacht um Berlin. Die Schulstr. wurde zur Hauptkampflinie. Dabei traf es die Nazarethkirchen und am 26. April die Josephskirche. Bei dem Versuch die Ringbahn als letzte Verteidigungsstellung zu halten, fiel auch die Himmelfahrtskirche und die St. Paulskirche der Vernichtung anheim. Am Ende waren alle Kirchen außer der Stephanus- und der Friedenskirche Ruinen. Viele Gemeinden schufen sich zunächst notdürftige Andachtsräume; viele Gläubige zog das Paul Gerhardt Stift an.
Erst nach 1950 konnte der Wiederaufbau oder Neubau der evangelischen Kirchen beginnen. Am 25. Mai kündeten Einladungskarten, dass auf dem Domfriedhof an der Müllerstr. die Kapelle wiederhergestellt worden sei und auf den Namen Korneliuskirche getauft wurde. Sie sollte der im Nordteil von Kapernaum zu bildenden Tochtergemeinde auf 99 Jahre als Andachtsraum zur Verfügung gestellt werden. Ganz solange wurde die Kapelle jedoch nicht benötigt, denn 1957 erbaute Hans Christian Müller ein neues Gemeindezentrum an den 1975 ein Kirchsaal angefügt wurde. Zum Erntedankfest 1953 war die Osterkirche wieder soweit hergestellt, dass sie von Bischof Dibelius neu eingeweiht werden konnte. Nach einem Grundstückstausch wurde der Neubau der Himmelfahrt-Kirche im Südosten des Humboldthains Otto Bartning übertragen. An der Stelle der alten 1949 abgetragenen Kirche entstand ein schöner Rosengarten. Der Neubau wurde 1954-1956 errichtet und am 20. Mai 1956 eingeweiht. Unverkennbar sind die Anklänge an Otto Bartnings 48 Notkirchen aus der Zeit nach dem 2. Weltkrieg.
Am 4. Advent 1957 wurde auch die wiederaufgebaute St. Paulskirche durch Herrn Generalsuperintendenten W. Führ ihrer gottesdienstlichen Bestimmung übergeben. Der Architekt Hans Wolff-Grohmann hatte das Äußere der Kirche im alten Stil wiederhergestellt, bei der Innenausstattung jedoch eine neue Raumgestaltung im Stil der fünfziger Jahre geschaffen.
Den Wiederaufbau der Kapernaumkirche konnte nach mehreren Bauabschnitten am 1. Adventssonntag 1959 beendet werden.

Pfarrer Andreas Hoffmann (Kreisarchivar)

Quellen: 700 Jahre Wedding, Geschichte eines Berliner Bezirks, Berlin 1951
Evangelische Kirchen in Berlin, Günther Kühne/Elisabeth Stephani, Berlin 1978

home next